Die Ladegast-Orgel in der Johanniskirche ist klanglich wie technisch ein hervorragendes Dokument spätromantischer Orgelbaukunst in Deutschland. Friedrich Ladegast, einer der bedeutendsten Orgelbauer des 19. Jahrhunderts, schuf ein völlig neues Orgelwerk mit neugotischem Schauprospekt.

Die 1885 erbaute Orgel in der Johanniskirche ist eine der am besten erhaltenen dreimanualigen Orgeln Ladegasts. Sie ist nicht nur seine größte erhaltene Kegelladenorgel, sondern unter seinen wenigen dreimanualigen Orgeln, die überhaupt die Zeitläufte überstanden haben, das jüngste und mithin letzte große Instrument aus der Hand des Meisters und somit ein herausragendes Klangdenkmal überregionaler Bedeutung.

Disposition

I. Manual (Oberwerk)
C- f´´´

Quintatön 16´
Geigenprincipal 8´
Salicional 8´
Rohrflöte 8´
Flauto amabilé 8´
Flauto dolce 4´
Octave 4´
Progression 2-4fach
Clarinette 8´ (durchschl.)

 

II. Manual (Hauptwerk)
C- f´´´

Bordun 16´
Principal 8´
Gambe 8´
Doppelflöte 8´
Bordunalflöte 8´
Principal 4´
Gemshorn 4´
Rauschpfeife 3fach
Mixtur 4fach
Cornett 3fach
Trompete 8´

 

III. Manual (Echowerk, schwellbar)
C- f´´´

Flauto traverso 8´
Viola d´amore 8´
Vox celestis 8´
Octavflöte 4´

 

Pedal
C – d´

Principalbass 16´
Subbass 16´
Violonbass 16´
Octavbass 8´
Cello 8´
Bassflöte 8´
Quinte 5 1/3
Octave 4´
Posaune 16´

 

Das I. Manual ist rein mechanisch, II. und III. mit Barkermaschine.
Die Pedalkoppel (II/Ped.) mechanisch, die Manualkoppeln (I/II, III/II) mit Barker.
Die Registertraktur mittels Barkerhebel.
Es gibt Collectivtritte (forte und piano für Pedal, für die Manuale piano, mezzoforte, forte, fortissimo).
Der Schweller (III. Manual) ist mit einem Tritt versehen (zu oder auf).

Zur Orgelgeschichte an St. Johannis Wernigerode

Vor der Ladegast-Orgel gab es in St. Johannis ein barockes Instrument des mitteldeutschen Orgelbauers Adam Christoph Maybaum aus dem Jahr 1727, ein zweimanualiges Instrument mit 38 Registern und Nebenzügen. Sie hatte bereits etliche Achtfuß-Register im Hauptwerk und Oberwerk sowie ein voll ausgebautes Pedal und vier Zungenstimmen. Die Orgelabnahme bestritt Christian Friedrich Rolle, Director musici in Magdeburg. Die Maybaum-Orgel hatte eine „schöne Intonation, frischen gravitätischen Klang“, wies bereits bei der Abnahme einige kleine technische Mängel auf, wie uns aus den Quellen des Stadtarchivs überliefert ist. Trotz regelmäßiger Wartung wuchsen die Mängel beträchtlich, so dass bereits 1855 die Orgel durch den Orgelbauer Voigt repariert werden sollte.

Man wartete allerdings mit den Reparaturen, da die ganze Kirche umfangreichen Renovierungsarbeiten unterzogen wurde. Der Architekt Carl Frühling aus Blankenburg /Harz, der das fürstliche Residenzschloss in Wernigerode umbauen ließ, wurde auch mit der Umgestaltung der St. Johanniskirche betraut. Der Rath der Kirche entschied sich, als krönenden Abschluss der Umbaumaßnahmen eine neue Orgel hinter den von Carl Frühling konzipierten neugotischen Orgelprospekt erbauen zu lassen und wählte den in Mitteldeutschland berühmten und anerkannten Orgelbaumeister Friedrich Ladegast.

Seine erste Ausbildung als Orgelbauer erhielt Friedrich Ladegast in der Geringswalder Werkstatt seines Bruders. In den anschließenden Jahren seiner Wanderschaft arbeitete er in verschiedenen Orgelbauwerkstätten Mitteldeutschlands. Spätere Studienreisen führten ihn u.a. auch ins Elsaß, nach Süddeutschland und nach Frankreich. Im elsässischen Straßburg studierte Ladegast die Orgeln von Andreas und Gottfried Silbermann, um wesentliche Merkmale des hellen barocken Orgelklangs mit seiner typischen Intonation zu verinnerlichen. Jedoch stimmt es nicht, wie früher oft behauptet wurde, dass Ladegast bereits in Straßburg Mitarbeiter der Firma Wetzels direkt im Anschluss an seine mitteldeutsche Gesellenzeit war.

Auch die Annahme, dass Friedrich Ladegast bei einer seiner Reisen nach Frankreich den berühmten französischen Orgelbauer Aristide Cavaille-Coll persönlich kennen gelernt hat und sogar einige Zeit bei diesem in Paris tätig war, erweist sich nach heutiger Erkenntnis als nicht zutreffend. Beide Orgelbauer brachten einander allerdings eine hohe Wertschätzung entgegen. So informierte sich Friedrich Ladegast vor dem Bau der großen Orgel für die Nikolaikirche in Leipzig (1862) auf einer Studienreise über die technischen Anlagen in den großen Orgeln Cavaillé-Colls. Albert Schweitzer schrieb: „Der grosse französische Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll hat ihn [F. Ladegast] als den besten unter den zeitgenössischen Orgelbauern der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschätzt. Ich habe Cavaillé-Coll noch gekannt und kann bestätigen, daß er von Ladegast mit Bewunderung sprach.“

Sein ganzes Leben sollte Friedrich Ladegast mit Aristide Cavaille-Coll in freundschaftlicher Kollegialität verbunden sein, auch wenn beide Meister - nicht zuletzt durch die damalige politische Lage der verfeindeten Staaten Deutschland und Frankreich - sich nie persönlich gesehen haben.

Im Jahr 1846 gründete Ladegast seine eigene Orgelbaufirma im mitteldeutschen Weißenfels, kämpfte aber vergeblich um einen Auftrag. Der Durchbruch gelang ihm mit dem Auftrag eines Orgelneubaus im Dorf Geusa (in der Nähe von Merseburg), den Ladegast durch die Fürsprache des damaligen Merseburger Domorganisten Engel erhalten hatte. Aus den Quellen geht hervor, dass Ladegast sogar aus seiner eigenen Tasche noch erheblich drauf gelegt hat, um das kleine Orgelwerk so attraktiv wie möglich der Fachwelt präsentieren zu können. Weitere Neubauten folgten nun in der Umgebung von Merseburg, wovon der in Hohenmölsen (von 1851 mit 24 Registern) bis heute vom Fleiß, Qualität und Präzision seines Erbauers zeugt. Der damalige Organist von Hohenmölsen schreibt: „(...) Gleich Rühmenswertes läßt sich von dem rein Technischen der Arbeit berichten. Bei Verwendung des fehlerfreiesten Materials, Metall wie Holz, muss man die Nettigkeit, Sauberkeit und die bis zum Eigensinn getriebene Accuratesse bewundern, mit welcher Alles bis auf den winzigsten Drahtstift hin ausgeführt ist.“

Nun hatte sich Ladegast einen gewissen Ruhm erkämpft, so dass große Orgelneubauten folgten: Die berühmtesten sind die im Merseburger Dom (1855), Leipzig Nikolaikirche (1862) und später und sein vielleicht vollendetstes Werk im Schweriner Dom (1871). Dort hatte Ladegast die Barkermaschine, die bei Orgeln von Cavaille-Coll schon durchaus üblich waren, eingesetzt, um eine wesentliche Erleichterung der mechanischen Traktur mittels pneumatischer Zwischenübertragung zu erzielen. Außerdem fällt neben den Collectivtritten (feste Kombinationen) ein Registercrescendo mit Hilfe eines Fußhebels auf - ein Vorläufer der späteren Crecsendo-Walze. Das war revolutionär im damaligen Orgelbau!

Auch in der Wernigeröder Johanniskirche, eines seiner letzten Werke von 1885, baute Ladegast ein hoch kompliziertes System aus Schleifladen, mechanischer Kegellade in Kombination von Barkermaschinen und Barkerhebeln (für die Registratur). Dieses System war genial aber auch kompliziert zugleich und ist bei aller Sauberkeit in der Arbeit kostenintensiver und unwirtschaftlicher als die damals aufkommende Kegellade. Ladegasts Sohn Oskar drängte seinen Vater nunmehr auch, die Kegellade zu bauen, um der großen Nachfrage der Orgelneubauten gerecht zu werden. Zunächst sträubte sich Friedrich Ladegast noch dagegen, aber im zunehmenden Alter wurde der Einfluss seines Sohnes immer größer bis dieser schließlich um die Jahrhundertwende den Betrieb ganz übernahm.

Die Orgel der Wernigeröder Johanniskirche ist eines der letzten Zeugen der großen Meisterschaft Friedrich Ladegasts, die zu 95% im originalen Zustand erhalten ist. Lediglich das Lieblichgedackt 8´ im Echowerk wurde 1902 auf Wunsch des damaligen Organisten Lenz gegen eine damals moderne Vox coelestis ausgetauscht. Dies erlaubt uns auch Orgelwerke der französischen und deutschen Spätromantik adäquat darzustellen.

Die Orgel verfiel aber im Laufe des 20. Jahrhunderts durch eine Ofenheizung und Staubentwicklung immer mehr, so dass in den 80er Jahren eine komplette Restaurierung notwendig wurde, zumal auch die Zinn-Prospektpfeifen 1917 für Kriegszwecke abgegeben werden mussten. Die Orgelbaufirma Schuke (Potsdam) hat die Restaurierung in der bewegten „Wende-Zeit“ von 1989 – 1991 auf vorbildliche Weise durchgeführt und die Zinn- Prospektpfeifen nach Ladegastscher Mensur wieder hergestellt.

Seitdem wird die Ladegast-Orgel in vielen Konzerten, Gottesdiensten häufig genutzt und einem breiten Publikum zugänglich gemacht. 2010 wurde nach umfangreichen Renovierungsarbeiten an den Außenmauern, am Turm, am Dach sowie im Kircheninneren eine erneute Orgelreinigung erforderlich. Die Arbeiten wurden von der Halberstädter Orgelbaufirma Hüfken im Frühjahr 2010 durchgeführt.

Konrad Paul

Quellenangaben:
Alexander Koschel: Im Wandel der Zeit - Die Ladegasts und ihre Orgeln, Orgelverlag Fagott, Friedrichshafen 2004
Akten des Stadtarchivs Wernigerode über die Orgeln der St. Johanniskirche Wernigerode